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Wild und widerborstig

Keiner hat am Radio den Walliserdialekt inbrünstiger gepflegt, und kaum einer im Radiostudio kam dermassen wild und widerborstig daher wie er. Die Haare standen oft himmelwärts, im Gesicht wucherten Schnauz und Bart. Ein "Wuider" aus den Bergen, wie ihn etwa ein Georg Ringsgwandl besungen haben könnte. Ja, Abgottspon war ein von Wörtern Besessener, ein stimmgewaltiger Berserker. Er war es, aber er ist es nicht mehr. Der Mann ist sanft geworden, moderat und beinahe leise; diese wuchtige, fast schon lärmige Einheit von Namen, Erscheinung und Ausdruck gibt es nicht mehr. (...) Die Sprache hat es ihm nicht verschlagen, aber die Stimme ist nicht mehr laut. Das vielleicht Wichtigste: "Ich habe gelernt, im Beruf Nein zu sagen."

Schauspielhaus-Schauspieler

Zum Radio fand Franziskus Abgottspon im Jahre 1979. 1941 in Visp zur Welt gekommen, absolvierte er nicht etwa - wie so mancher Oberwalliser, der später in Wirtschaft, Politik oder in den Medien Karriere machen sollte - das Kollegium Spiritus Sanctus in Brig. Nein, Abgottspon machte seine Matura in der Stiftsschule Einsiedeln. Obwohl auch vier ledige Tanten zur Grossfamilie gehörten, habe der Vater es so angeordnet, sagt der Radiomann. "Er wollte, dass zu mir geschaut wird." Vater und Mutter führten im Wallis einen Gemischtwarenladen und ein Restaurant. (...)

Nach der Matur begann Abgottspon in Zürich Germanistik zu studieren. Viel wichtiger war ihm indes der Schauspiel- und Sprechunterricht bei Margit von Tolnai und Erwin Kohlund. Hier, wo auch ein Peter Brogle oder eine Maria Becker zu Mimen von Format geformt wurden, erwarb Abgottspon das Rüstzeug, das ihn später befähigte, Mitglied des Schauspielhaus-Ensembles zu werden. Das war in den Jahren 1971 bis 1973, der Direktor hiess Harry Buckwitz, und Abgottspon sagt über jene Jahre bloss: "Ich konnte keine schönen Rollen spielen."

Fortan lebte der Walliser als freier Schauspieler wieder im Wallis. Er begann zu inszenieren, Regie zu führen, arbeitete als Sprecher fürs Radio. Und wurde Vater von zwei Töchtern. 1979 stiess er als Dramaturg und Regisseur zur Hörspielabteilung im Radiostudio Zürich. Abgottspon war für diese Stelle der Favorit von Hörspielchef Hans Jedlitschka gewesen; er verehrt ihn noch heute. "Jedlitschka war ein Ermöglicher und kein Verhinderer. Das habe ich von ihm übernommen." Abgottspon wurde 1986 Jedlitschkas Nachfolger als Zürcher Hörspielchef, 1991 wurde er zum Leiter Dramatik und Feature DRS 1 ernannt, seit 1995 ist er Leiter Hörspiel und Unterhaltung DRS 1. (...)

Aufgebahrte Scheusslichkeit

Abgottspon ist zwar auch für Unterhaltendes wie "Spasspartout", "Kaktus" oder die Kabarettsendungen vom Samstagmittag zuständig. Ruf und Renommee besitzt aber vor allem die Hörspielabteilung. Wer das Radiostudio Zürich betritt, bemerkt schon beim Eingang eine aufgebahrte goldfarbene Scheusslichkeit. Sie ist ein Werk von Rolf Knie und markiert das Gewinnen des Prix Walo. Franziskus Abgottspon versucht gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, dass ihm diese Prämie die liebste sei. Wäre auch sonderbar, sind Produktionen aus seiner Abteilung doch mehrmals mit den wichtigsten und relevantesten Branchenpreisen des In- und Auslandes ausgezeichnet worden. Auf diese Anerkennung ist er stolz. Ebenso stolz aber ist er, dass er dazu beitragen konnte, dass die Bedeutung des Hörspiels in der Deutschschweiz so gut wie unbestritten ist. (...)

Neue Kundschaft

(...) Abgottspon hat eine ganze Reihe neuer, junger Kreativer zum Zuge kommen lassen, und er hat Schriftsteller, die mit Hörspielen keine Erfahrung hatten, ermuntert, sich in dieser Sparte zu versuchen. Er hat neue Wege gesucht, Hörer und Spiel zusammenzubringen. So wurden etwa die Lautsprecher des Zürcher Trams zur Verbreitung von Kürzesthörspielen benützt. Oder die Zuhörer wurden an Originalschauplätze zu Originalemissionen eingeladen.

Geordnete Verhältnisse

Um die Zukunft des Hörspiels ist es dem Chef nicht bang. Er ist überzeugt, dass die haarsträubenden Fälle von Privatdetektiv Mallony über DRS 3 neue Hörerschichten erschlossen haben. Zudem pflegt seine Abteilung mit besonderem Enthusiasmus die jüngsten Konsumentinnen und Konsumenten: "Wir realisieren die Kinderhörspiele genauso professionell und engagiert wie jene für Erwachsene." So wächst neue Kundschaft heran. (...)

Auch die eigene Zukunft scheint geregelt. Franziskus Abgottspon wird Ende Dezember 60 Jahre alt. Er macht von der Möglichkeit Gebrauch, auf diesen Zeitpunkt in den Ruhestand zu treten. (...)

Daneben aber will er sich als Freischaffender kombinierten Text-/Musikprojekten widmen, zum Beispiel mit den (...) sCHpillit. Und er freut sich, künftig aller Gattung Interessierten das weitergeben zu können, was er einst von Erwin Kohlund und Margit von Tolnai gelernt hat: hörbaren Spass an gestalteter Sprache, mitreissendes Vergnügen an intelligent gebrauchter Stimme.